Zur Geschichte des E.I.S.-Projekts

E.I.S. (Entwurf Intergierter Schaltungen) war der Name eines Multi University Verbundprojekt fuer VLSI Entwurf im Mead-&-Conway-Stil - mit angeschlossener Multiprojektchip-Organisation. Das E.I.S.-Projekt wurde vom Bundesminister fuer Forschung und Technologie (BMFT) gefoerdert von 1983 bis 1989. E.I.S. war Vorlaeufer der EUROCHIP-Organisation, gefoerdert durch die Kommission der Europaeischen Gemeinschaft.

 
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  • n den 70er Jahren predigt Prof. Carver Mead vom Caltech (California Institute of Technology), daß in der Lehre über Integrierte Schaltungen die Technologie vom Design getrennt werden müsse. Der Entwurf (Design Sciences) müsse ein eigenes Lehrfach werden. Natürlich wurde er damals vielfach von Technologie-Professoren angefeindet: "das Bißchen Design machen wir mit Links".
  • Doch um 1980 mit 20.000 Transistoren pro Chip war dieses "mit Links" unrealistisch geworden. Jedoch eine Designer-Population existierte damals nicht. Die Behebung dieses dramatischen Problems war Carver Mead's Ziel.
     
  • Winter-Quarter 1978: Lynn Conway hielt als Gastprofessorin am M.I.T. ihren berühmten VLSI-Kurs mit Übungen. In der zweiten Januarwoche 1979 hatten die Studenten die nach ihren Entwürfen gefertigten und montierten Chips in Händen. Die studentischen Entwürfe waren über die Weihnachtsferien von Xerox PARC (3333 Coyote Hill Drive, Palo Alto) geprüft und zu Multiprojekt-Chips zusammengefaßt worden. (Diese unter Lynn Conway aufgebaute Multiprojektchip-Organisation übernahm dann ca. 2 - 3 Jahre später der MOSIS-Dienst am ISI (Information Sciences Institute in Marina del Rey bei Los Angeles der University of Southern California (USC). Die Fertigung der Übungsschaltungen aus dem M-I.T.-Kurs von Lynn Conway erfolgte in unmittelbarer Nachbarschaft (Parallelstraße zum Coyote Hill Drive) auf einer Pilotlinie von Hewlett-Packard.

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  • Apropos Xerox PARC: zu empfehlen ist hierzu das Buch "Dealers of Lightning"

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  • 1979 fand in Seattle ein gut besuchter einwöchiger Mead-&-Conway-Kurs für Wissenschaftler und Professoren statt ("Professoren auf die Schulbank")

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  • Auch durch eine anlaufende reichhaltige Förderung in den USA durch das Verteidigungsministerium, wurde dies der Auftakt zur VLSI-Entwurfs-Revolution, die innerhalb von ca. 3 Jahren als neue Lehre an weit mehr als 100 Universitäten in der Welt eingeführt wurde, meist auf der Basis des neuartigen Textbuches (siehe unten). Diese Mead-&-Conway-VLSI-Entwurfs-Revolution gilt heute als das weltweit bei Weitem effektivste Projekt in der Geschichte der modernen Informationstechnik, das auch zur Entstehung der EDA-Industrie führte (Electronics Design Automation).
     
  • 1979: im Zuge einer Dienstreise nach San Diego (DAC) besucht Prof. Hartenstein das Institut von Prof. Carver Mead (Caltech)

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  • 1979: Prof. Hartenstein lernt auf einer Party in Berkeley Dr. Lynn Conway kennen - und erhält Tage später die Vorab-Kopien der ersten 4 Kapitel des Mitte 1980 erscheinenden Buches "C. Mead, L. Conway: Introduction to VLSI Systems" (Addison Wesley 1980)

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  • Sommersemester 1979, Universität Kaiserslautern: Prof. Hartenstein hält erstmals die Vorlesung (mit Übungen) "Einführung in den VLSI-Entwurf" nach der Mead-&-Conway-Methode (als erster "auf dem Kontinent" (Europa und Asien) - in Großbritannien gab es einen Kollegen, der eine solche Vorlesung bereits im Winter 1978/79 hielt)

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  • Februar 1980: R. Hartenstein schickt einen VLSI-Verbundprojekt-Vorschlag an Reg. Dir. Dr. Hamacher, BMFT
  • in Bonn.
     
  • 19. 3. 1980, ca. 9.00 - 12.00 Uhr: auf Einladung von Dr. Hamacher eine Besprechung im BMFT - Teilnehmer: Dr. Klaus Berkling (GMD), Prof. Dr. Walter Engl (RWTH Aachen), Dr. Hamacher (BMFT), Prof. Dr.-Ing. Reiner Hartenstein (Univ. Kaiserslautern) - Prof. Walter Engl (beim Referat von Dr. Hamacher schon länger eingeführter "Chef-Gutachter"): "Carver Mead ist ein Scharlatan". Für Dr. Berkling und Prof. Hartenstein  endete das Gespräch mit einem "Hochkant-Hinauswurf erster Klasse".

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  • In allen anderen Westeuropäischen Ländern betrieben Professoren Lobby-Anstrengungen für die Förderung einer nationalen Beteiligung an der VLSI-Revolution, wie beispielsweise Prof. Lopez-Barrio in Spanien, Prof. Anceau in Frankreich, Prof. Mariagiovanna Sami in Italien, Prof. Heetmann in Holland, sowie Professoren in den anderen Westeuropäischen Ländern. Der Erfolg war negativ mit der Begründung, daß die Nachbarländer ja auch nichts tun: ein klassischer "deadlock"!
     
  • 8. 7. - 18. 7. 1980 in Louvain-La-Neuve: NATO Advanced Study Institute (NATO ASI) on  Very Large Scale Integrated Circuits  - Dr. Lynn Conway steht mit 4 Vorträgen auf dem Programm. Wg. Know-how-Embargo-Maßnahmen der Reagan-Administration wird Dr. Lynn Conway die Teilnahme verboten. Je 2 dieser Vorträge werden vertretungsweise von Prof. Carlo Sequin (UC Berkeley) und Prof. Reiner Hartenstein (Univ. Kaiserslauern) gehalten (see a b).

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  • 20. 7. - 1. 8. 1980 in  Urbino, Italien:  Prof. Paolo Antognetti (Univ. Genua) und Prof. Don Pederson (UC Berkeley) veranstalten einen NATO ASI über VLSI-Entwurfsmethoden mit ca. 80 Teilnehmern. Nachmittags waren Uebungen an einer VAX 11/750: extrem langsam. Es dauerte 15 Sekunden und mehr, bis der Cursor im Kommandotext ein Zeichen weiter rueckte. Hartenstein fand heraus, daß der Lochkartenstanzer im Keller  an die VAX angeschlossen war. Er stanzte sein Beispiel, einen hoch regelmaessigen 4x4-Bit Integer Multiplier, und hielt schon nach 20 Minuten seinen Plot in Haenden - waehrend die anderen Teilnehmer noch immer frustriert in die Roehre glotzten. Das Routing and Placement Beispiel erzeugte derart schmale Routing-Kanaele, dass Fa. Silvar Lisco noch nach Jahren damit um Kunden warb. Am 2. 8. 1980 wurde der Hauptbahnhof von Bologna durch einen Bombenanschlag schwer beschädigt - nur wenige Minuten nachdem Prof. Hartenstein mit dem Gotthard-Express den Bahnhof verlassen hatte.

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  • März - Juni 1981 Gastprofessur von Prof. Hartenstein beim EECS-Department der University of California at Berkeley
  • .  Sein Betreuer, Prof. Carlo  Sequin, hat einen Beratervertrag mit Lynn Conway, Abteilungsleiterin beim Forschungszentrum Xerox PARC. Carlo Seqin beteiligt Prof. Hartenstein hierbei, der dadurch mitten in den "hot spot" der VLSI design revolution gelangte.
     
  • 1. 10. 1980: am Buffet des Schloßtag in Birlinghoven ein längeres Gespräch zwischen Prof. Szypersky und Prof Hartenstein. Prof. Szypersky gibt gerade seinen Einstand als neuer Vorstands-Vorsitzender der GMD. Das Gespräch dauerte lange und es bildete sich eine Warteschlange von Gratulanten, die Prof. Szypersky die Hand schütteln wollten. Prof. Hartenstein konnte den neuen CEO der GMD überzeugen und VLSI wird Chefsache: Stabschef Dr. Woelcken wird zu weiteren Maßnahmen beauftragt.

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  • 27. 9. - 29. 9. 1982, GMD Schloß Birlinghoven, einiger Sprecher Prof. Hartenstein: ein VLSI-Kursus (quasi "Professoren auf die Schulbank")

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  • 18. 10. - 20. 10. 1982, GMD Schloß Birlinghoven: wegen großer Nachfrage wird der Kursus wiederholt. Am Abend des zweiten Tages entstand am Rande eines geselligen Abends eine "pressure group" aus GMD und Hochschullehrern

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  • 1982 ?  Treffen von Prof. Seitzer, Prof. Waldschmidt und Prof. Hartenstein in der Nähe von Würzburg zur Koordination der "pressure group"

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  • 1983: nach dem Gewinn der Bundestagswahl durch Helmut Kohl die "große Wende": Dr. Heinz  Riesenhuber wird Forschungsminister, ein langjähriger Freund von Prof. Hartenstein.
     

1983: Dr. Woelcken schreibt einen Antrag an das Referat im BMFT - Prof. Hartenstein schreibt einen begleitenden Brief an den Minister Dr.   Riesenhuber -
 

  • 1983: Bewilligung des E.I.S.-Projekt für 3 Jahre

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  • Die Lobbyisten der anderen Westeuropäischen Länder (siehe oben) bericheten dies ihren F&T-Ministerien und machten erneuten Druck: diesmal erfolgreich! Der o. g. klassische "deadlock" wurde damit aufgehoben und die VLSI Design Revolution bereitete sich rasch über ganz Westeuropa aus.
     
  • 1987: Verlängerung des E.I.S.-Projekt um 18 Monate

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  • 1982 - 1985: Serie von Kolloquiumsvorträgen und VLSI-Kursen -- siehe   a bc d

 

 

   
 

Literatur

[1] Michael Hiltzik: Dealers of Lightning - Xerox PARC and the Dawn of the Computer Age; HarperCollins, New York, 1999

[2]  P. Wallich: Profile: Lynn Conway—Completing the Circuit; Scientific American Magazine, Dec 2000.

[3] L. Conway: The MPC Adventures: Experiences with the Generation of VLSI Design and Implementation Methodologies; Microprocessing and Microprogramming - The Euromicro Journal, Vol. 10, No. 4, Nov 1982

[4] http://ai.eecs.umich.edu/people/conway/VLSI/MPCAdv/MPCAdv.pdf

[5] National Research Council: Funding a Revolution; National Academies Press; January 8, 1999

[6] N. N.: "The book that changed everything", Electronic Design News, Feb. 11, 2009

[7] D. Kilbane: Lynn Conway - A trailblazer on professional, personal levels; El. Design, Oct, 2003

[8] http://partners.academic.ru/dic.nsf/dewiki/362215

[9] C. Mead, L. Conway: Introduction to VLSI Systems; Addison-Wesley, 1980

[10] L. Conway: The MIT '78 VLSI System Design Course; August 1979, Xerox PARC

[11] R. Hon, C. Sequin: A Guide to LSI Implementation; September 1978, Xerox PARC

[12] L. Conway, A. Bell, M. Newell: MPC79: A Large-Scale Demonstration of a New Way to Create Systems in Silicon; LAMBDA, the Magazine of VLSI Design, 2nd Quarter 1980

[13] http://lexikon.freenet.de/Mikrochip-Entwurfs-Revolution





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